Nach 1685 flohen zehntausende reformierte Franzosen aus ihrer Heimat und fanden in Brandenburg-Preußen und anderen deutschen Territorien Aufnahme. Ihre Namen sind bis heute in Berlin, Brandenburg und darüber hinaus zu finden – manche unverändert, manche kaum wiederzuerkennen.
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1685 hob der französische König Ludwig XIV. das Edikt von Nantes auf, das den reformierten Protestanten Frankreichs, den Hugenotten, seit 1598 ein eingeschränktes Recht auf ihren Glauben zugesichert hatte. Mit der Aufhebung wurde die protestantische Konfession in Frankreich faktisch verboten. Wer am reformierten Glauben festhalten wollte, musste das Land verlassen – illegal, denn die Auswanderung selbst stand unter Strafe. Trotzdem gingen in den folgenden Jahren zehntausende Familien außer Landes, in die Niederlande, nach England, in die Schweiz und in die protestantischen Territorien des Heiligen Römischen Reichs.
Unter den Auswanderern waren Kaufleute, Handwerker unterschiedlichster Zünfte, Gelehrte, Offiziere und Landwirte – die Hugenotten waren keine sozial einheitliche Gruppe, sondern ein Querschnitt durch das französische Bürgertum und den niederen Adel. Diese Mischung an Fähigkeiten war einer der Gründe, warum protestantische Fürsten im Reich um sie warben: Mit den Flüchtlingen kam nicht nur Arbeitskraft, sondern auch Wissen über neue Handwerkstechniken, etwa in der Textilverarbeitung, im Gartenbau und im Manufakturwesen, das in den aufnehmenden Territorien bis dahin kaum vorhanden war.
Noch im selben Jahr 1685 reagierte der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm mit dem Edikt von Potsdam. Es lud die vertriebenen Hugenotten ausdrücklich ein, sich in seinen Territorien niederzulassen, versprach ihnen Steuervergünstigungen, Baumaterial und die freie Ausübung ihres Glaubens. Der Kurfürst verfolgte damit ein doppeltes Ziel: Als reformierter Herrscher über ein überwiegend lutherisches Land wollte er seine Glaubensgemeinschaft stärken, gleichzeitig brauchte das durch den Dreißigjährigen Krieg entvölkerte und wirtschaftlich geschwächte Brandenburg dringend Fachkräfte, Kaufleute und Handwerker.
Berlin wurde zu einem Zentrum der Ansiedlung. Ganze Straßenzüge und die spätere Französische Friedrichstadt entstanden für die Neuankömmlinge, mit eigener Gerichtsbarkeit, eigenen Gemeinden und eigenen Schulen. Am Gendarmenmarkt entstand der Französische Dom als Kirche der reformierten Gemeinde französischer Sprache – ein bis heute sichtbares Zeugnis dieser Ansiedlungspolitik. Auch andere Territorien warben aktiv um Hugenotten: Hessen-Kassel nahm größere Gruppen auf, ebenso kleinere Fürstentümer, die sich davon wirtschaftlichen Aufschwung versprachen. In vielen dieser Territorien blieb die eigene Gerichtsbarkeit über die reformierten Kolonien, das sogenannte Refuge, über Jahrzehnte bestehen und mit ihr eigene Kirchenbücher in französischer Sprache – heute eine zentrale Quelle für die Erforschung von Hugenottenfamilien. Wer wissen will, wie Familiennamen allgemein entstehen und warum bestimmte Namenstypen in bestimmten Regionen gehäuft auftreten, findet Grundlagen dazu im Artikel Wie entstehen Familiennamen.
Wer nach Brandenburg-Preußen kam, brachte seinen Namen mit – was danach geschah, folgte keinem einheitlichen Muster. Grob lassen sich vier Wege unterscheiden, wie aus einem französischen Namen ein Name wurde, der in Deutschland weiterlebte.
In den hugenottischen Gemeinden selbst, wo Französisch über Generationen Umgangssprache blieb, hielten viele Familien ihren Namen unverändert. Das galt besonders für das städtische, oft bürgerlich-akademische oder kaufmännische Milieu Berlins, wo die Kolonie ihre eigene Sprache, Kirche und Kultur bewusst pflegte. Der bekannteste Namensträger dieser Linie ist der Schriftsteller Theodor Fontane, dessen Vorfahren aus dem Languedoc stammten und deren Name über Generationen in französischer Schreibung erhalten blieb, obwohl die Familie längst deutschsprachig war.
Außerhalb der großen städtischen Kolonien, auf dem Land und in kleineren Territorien, passte sich die Aussprache eines Namens oft an das Deutsche an, ohne dass sich die Schreibung radikal änderte. Endungen wurden anders betont, Nasallaute verschwanden, die Schreibweise näherte sich phonetisch dem an, was ein deutscher Schreiber hörte. Aus einer französischen Aussprache wurde eine deutsche, während die Buchstabenfolge oft noch erkennbar blieb.
Ein Teil der Namen wurde regelrecht übersetzt, wenn die Bedeutung des französischen Namens klar erkennbar war – vergleichbar mit dem, was später auch bei deutschen Auswanderern in Amerika geschah, wie der Artikel Deutsche Namen in Amerika beschreibt. Berufs- und Übernamen ließen sich vergleichsweise leicht ins Deutsche übertragen, weil es für viele Handwerksberufe und Eigenschaften in beiden Sprachen entsprechende Begriffe gab – ähnlich wie deutsche Berufsnamen wie Schäfer, Weber oder Becker unmittelbar auf einen Beruf verweisen.
Ein großer Teil der Veränderungen geht schlicht auf die Praxis der Kirchenbücher und Behörden zurück. Pfarrer, Standesbeamte und Steuereinnehmer, die selbst kein Französisch sprachen, schrieben Namen so auf, wie sie sie hörten oder wie sie sie für plausibel hielten. Über zwei, drei Generationen und mehrere Einträge in unterschiedlichen Kirchenbüchern konnte sich ein Name auf diesem Weg deutlich von seiner ursprünglichen Form entfernen, ohne dass es dafür einen bewussten Entschluss der Familie gab. Dieser Mechanismus ist kein Sonderfall der Hugenotten, sondern betrifft grundsätzlich jede Einwanderung in ein Gebiet mit anderer Sprache und Schreibtradition – mehr dazu, wie sich an Namensformen die Herkunft einer Familie regional eingrenzen lässt, im Artikel Nachnamen und Regionen erkennen.
Häufig liefen mehrere dieser Wege parallel: In derselben weitverzweigten Familie konnte eine Linie in Berlin den französischen Namen beibehalten, während eine andere Linie, die aufs Land zog und dort die einzige französischstämmige Familie im Dorf war, innerhalb weniger Jahrzehnte einen deutlich eingedeutschten oder übersetzten Namen führte. Für die Familienforschung bedeutet das, dass ein gemeinsamer hugenottischer Ursprung sich hinter ganz unterschiedlich klingenden heutigen Namen verbergen kann.
Die Hugenotten waren die bekannteste, aber nicht die einzige religiös motivierte Zuwanderungswelle in die deutschen Territorien der frühen Neuzeit. Wer sich mit dem Ursprung eines ungewöhnlichen Namens beschäftigt, sollte auch diese Gruppen im Blick behalten.
Wallonen. Schon vor den Hugenotten kamen wallonische, also französischsprachige reformierte Glaubensflüchtlinge aus den Südlichen Niederlanden nach Brandenburg und in andere protestantische Gebiete, viele von ihnen Tuchmacher und Weber. Sie bildeten teils eigene Gemeinden und teilten mit den späteren Hugenotten Sprache und Konfession, kamen aber unabhängig von der Aufhebung des Edikts von Nantes.
Böhmische Exulanten. Nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 und im Zuge der folgenden Rekatholisierung Böhmens verließen protestantische Böhmen ihre Heimat. Eine spätere, kirchengeschichtlich besonders bedeutsame Gruppe böhmischer und mährischer Glaubensflüchtlinge gründete im 18. Jahrhundert in der sächsischen Oberlausitz die Siedlung Herrnhut, aus der die Herrnhuter Brüdergemeine hervorging. Auch im damaligen Rixdorf bei Berlin, dem heutigen Berlin-Neukölln, siedelten böhmische Exulanten und prägten den Ort über Generationen.
Salzburger Exulanten. 1731 und 1732 vertrieb der Salzburger Erzbischof mehrere tausend evangelische Untertanen aus seinem Fürsterzbistum. Ein großer Teil dieser Salzburger Exulanten wurde im damals noch dünn besiedelten Ostpreußen angesiedelt, wo Familiennamen aus dem Salzburger Raum bis in die Zeit vor Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert nachweisbar blieben.
Wer heute einen Nachnamen mit französischem Klang trägt oder in seinem Stammbaum auf einen solchen stößt, sollte nicht automatisch von einer Hugenottenfamilie ausgehen – auch Elsässer, spätere Einwanderer oder rein zufällige Namensähnlichkeit kommen infrage. Umgekehrt verrät ein unauffällig deutsch klingender Name nicht zwingend etwas über die tatsächliche Herkunft, wenn die Familie im 17. oder 18. Jahrhundert eingedeutscht oder übersetzt wurde. Verlässliche Aussagen lassen sich nur über Kirchenbücher, Konsistorialakten der reformierten Gemeinden und die einschlägige genealogische Literatur treffen, nicht über den Klang des Namens allein.
Ein zusätzlicher Hinweis kann die regionale Verbreitung eines Namens sein: Konzentriert sich ein Familienname bis heute auffällig auf Berlin, Brandenburg oder auf Orte, die nachweislich Hugenottenkolonien waren, ist eine Verbindung zur Einwanderung nach 1685 wahrscheinlicher als bei einer im ganzen deutschen Sprachraum gleichmäßig verteilten Namensform. Auch das lässt sich nur mit konkreten Quellen prüfen, nie mit dem Namen allein. Einen Überblick über belegte Herkunft und Verbreitung einzelner Namen bietet das Namenslexikon, methodische Hinweise zur Quellenlage stehen unter Quellen und Methodik.
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